
Carl Heinrich Graun wurde vermutlich im Jahr 1704 im damals sächsischen Wahrenbrück, heute im Süden Brandenburgs gelegen, geboren. Das genaue Geburtsdatum ist unbekannt, weil die Kirchbücher bei einem Stadtbrand vernichtet wurden.
Seit frühester Kindheit erhielt er eine musikalische Erziehung. 1714 wurde er, wie ein Jahr zuvor bereits sein älterer Bruder Johann Gottlieb, Schüler der berühmten Dresdner Kreuzschule. Bald schon fiel er dort seinen Lehrern durch seine klangvolle Stimme und eine besondere musikalische Begabung auf, was zu einer vielseitigen Ausbildung und Förderung durch die herausragenden Vertreter des Dresdner Musiklebens seiner Zeit führte.
Bereits in jungen Jahren wirkte Graun auch als Solist, sogenannter Ratsdiskant, sowie als Instrumentalist und Chorsänger bei diversen Festveranstaltungen am Hof August des Starken mit. Gleichzeitig begann er wohl auch mit der Komposition erster eigener Werke, zunächst vor allem für den sakralen Gebrauch. Auf Empfehlung des sächsischen Hofdichters Johann Ulrich König erhielt Carl Heinrich Graun im Jahre 1725 eine Anstellung am Hof des Herzogtums Braunschweig-Wolfenbüttel. Dort wirkte er zunächst als Tenorsänger, begann aber bald auch mit der Komposition eigener Arien und Kantaten und wurde schließlich zum Vizekapellmeister ernannt. Insgesamt verfaßte Graun in Braunschweig sechs Opern, wirkte aber auch weiterhin als Sänger. Im Jahre 1733 wurde der preußische Kronprinz Friedrich auf ihn aufmerksam, als er sich anläßlich seiner Hochzeit mit der Prinzessin Elisabeth Christine am Braunschweigisch-Wolfenbüttelschen Hof aufhielt. Zwei Jahre später erhielt Graun ein Engagement als Kapellmeister am Hof des Kronprinzen in Ruppin und Rheinsberg. In den Jahren bis zur Thronbesteigung des späteren Friedrichs II. von Preußen, erteilte Graun Prinzen auch Kompositionsunterricht. Mit dem Thronwechsel im Jahre 1740 brach in Berlin ein neues Zeitalter der Musikkultur an. Carl Heinrich Graun, nun in der Position des königlichen Hofkapellmeisters, wurde damit beauftragt, ein Opernensemble für Friedrich II. zusammenzustellen. Graun unternahm eine Reise durch Italien und brachte mehrere italienische Sängerinnen und Sänger mit an Spree. Für die Hofkapelle konnten zahlreiche bekannte Virtuosen gewonnen werden, wodurch die Berliner Musikkultur an Strahlkraft gewann und das Orchester bald europaweit zu einem der besten zählte. Carl Heinrich Graun schrieb für den preußischen Hof insgesamt 27 Opern. Im Jahre 1742 wurde die heutige Staatsoper Unter den Linden mit seiner Oper „Cleopatra e Cesare" eröffnet. In der Folgezeit nahm der König regen Anteil am Musikschaffen seines Kapellmeisters. Für mehrere Opern Grauns verfasste Friedrich II. die Libretti.
Über den Kreis der höfischen Musikkultur hinaus, erlebte mit Grauns Wirken auch das städtische Musikleben Berlins einen Aufschwung. Als Liedkomponist, besonders aber durch seine 1755 uraufgeführte Passionskantate „Der Tod Jesu" hat Graun über die Grenzen Berlins und Preußens hinaus wesentlichen Anteil am Entstehen eines bürgerlichen Musizier- und Gesangswesens. Lange Zeit galt „Der Tod Jesu" noch vor Bachs „Matthäuspassion" als populärstes Osteroratorium in Norddeutschland und den protestantischen Ländern und war bis ins späte 19. Jahrhundert fester Bestandteil der bürgerlichen Musikpflege. Graun starb im Alter von 55 Jahren am 8. August 1759, mitten im Siebenjährigen Krieg, in Berlin. Sein Tod löste in der Musikwelt und in der Berliner Bevölkerung eine große Betroffenheit aus. Bis zum Ende der Regierungszeit von Friedrich II. blieben Grauns Werke jedoch ein wesentlicher Bestandteil des Berliner Opernspielplans. „Die Namen Quantz und Graun sind in Berlin heilig; es wird auf sie mehr geschworen als auf Luther und Calvin" kommentierte ein englischer Besucher im Jahre 1772 die Bedeutung der beiden Musiker für das Kulturleben der Stadt. Mit der Zeit geriet jedoch nicht nur Grauns Musik, sondern auch sein Name zunehmend in Vergessenheit. Dass er seinerzeit in einem Atemzug mit den Komponisten Bach und Händel genannt wurde, erstaunt, sollte aber um so mehr auf sein Musikschaffen neugierig machen.
Claudia Terne
Kulturwissenschaftlerin